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thumb nito Fotolia comFotolia 95131223 SEin grüblerischer Glückwunsch von Johannes Laible

„Wie schön, dass du geboren bis, wir hätten dich sonst sehr vermisst!" schallt es landauf landab, wenn Kinder in ihrer Kita demjenigen Gruppenmitglied, das heute die Geburtstagskrone trägt, ein Ständchen singen. Sehr vermisst hätten viele auch das Passivhaus, hätte es Wolfgang Feist nicht 1991 zur Welt gebracht.

Aus heutiger Sicht lässt sich der Geburtsschmerz nur erahnen. Das Konzept des Passivhauses zu entwickeln, war eine Sache: Einem Bauphysiker, der sich seit den frühen 1980er-Jahren mit Energietechnik und Niedrigenergiehäusern beschäftigte, konnte man durchaus zutrauen, den Nukleus aus bestehenden Demonstrationsbauten, interkultureller Baupraxis und Erkenntnissen der Forschung zu einem theoretischen Gesamtkonzept zusammenzuführen. Eine ganz andere Sache war es, dies 1991 in die Praxis umzusetzen. Die Datenbanken, die das Passivhaus Institut heute unterhält, damit Planer dort geeignete Komponenten finden, suchte Wolfgang Feist damals vergeblich. Und so mussten passivhaustaugliche Bauteile teilweise erst entwickelt werden, damit das erste Passivhaus in Darmstadt-Kranichstein gebaut und die ambitionierten Kennwerte erreicht werden konnten. Dass der Bauherr mit seiner Familie auch noch selbst in das Passivhaus-Reihenhaus einzog, zeigte den letzten Skeptikern, dass Feist wirklich an die Sache glaubte.

25 Jahre später glaubt Wolfgang Feist noch immer an das Passivhaus, wovon sich ein zunehmend internationales Publikum alljährlich und zuletzt im April dieses Jahres auf der Passivhaustagung überzeugen konnte. Sein Haus in Darmstadt übrigens – auch das war Thema auf der Tagung – funktioniert heute so gut wie damals und straft damit alle Lügen, die einst zweifelten oder gebetsmühlenartig den raschen Performanceverlust von Passivhäusern prophezeiten.

Feist behielt recht, und zwar so umfassend, dass das Konzept des Passivhauses tatsächlich in den letzten 25 Jahren nicht nachgebessert werden musste. „Happy Birthday, Passivhaus" meint deshalb vor allem „Glückwunsch und Respekt, Wolfgang Feist!"

Was aber ist aus der Passivhausidee geworden, die ja nicht geboren wurde, um ein einzelnes Haus sparsam zu machen, sondern um den Energieverbrauch für die Bereitstellung von Wärme drastisch zu senken? 1995 zitierte DER SPIEGEL Wolfgang Feist, wonach es bis 2020 machbar sei, „insgesamt zwei Drittel des Heizöls und Erdgases einzusparen, mit dem die Deutschen derzeit ihre Wohnungen und den Himmel heizen". Das war aus damaliger Sicht richtig, heute ist jedoch klar, dass dieses Ziel noch in weiter Ferne liegt. Am Passivhaus hat´s nicht gelegen. An zögerlicher politischer Umsetzung schon. Und an permanentem Gegenwind für energieeffizientes Bauen im Allgemeinen und für das Passivhaus im Besonderen.

Manche langjährig erfahrenen Passivhausarchitekten wundern sich, dass die Mythen der ersten Jahre (Stichwort: „Im Passivhaus darf man keine Fenster öffnen") bis heute überdauert haben. Am Lagerfeuer ewiggestriger Hausanbieter, Medienvertreter und Banker, aber auch vernagelter Hersteller und Architekten scheinen Märchen und Legenden über zeitgemäßes Bauen besonders beliebt zu sein. Auch die Politik sitzt mit am Lagerfeuer und legt ständig Brenngut nach. Die zweite Säule der Energiewende – die Energieeffizienz – spielt politisch weiterhin kaum eine Rolle. Um die Klimaziele zu erreichen, sollte die energetische Gebäudesanierung – am besten mit Passivhauskomponenten – seit Jahren wesentlich ausgebaut werden, stattdessen ist sie stark rückläufig. Der Neubaubereich boomt, allerdings hat sich dabei ein gefährliches Minimalprinzip eingebürgert: Sowohl gewerbliche Investoren als auch private Bauherren orientieren sich bei der Wahl des energetischen Standards meist allein an kurzfristigen Kosteneinsparungen und der Mitnahme von Fördermitteln. Das führt dazu, dass heute Gebäude gebaut werden, die größtenteils in zwei oder drei Jahren nicht mehr genehmigungsfähig wären, weil ihre Energieeffizienz veraltet ist.

Betrachtet man – zumindest hierzulande – die Hochbaubranche, muss man verwundert feststellen, dass das Passivhaus an seinem 25. Geburtstag noch immer eine Nischenanwendung zu sein scheint; weit entfernt davon, gängiger Baustandard zu sein, wie das bei den Feierlichkeiten zur Volljährigkeit noch erwartet wurde.

Aber der alleinige Blick aufs deutsche Einfamilienhaus verzerrt das Bild. Tatsächlich gibt es Bereiche, wo Passivhäuser boomen: Bildungsbauten werden mehr und mehr im Passivhausstandard gebaut, bei Bürogebäuden, so schwören Immobilienentwickler, sei das Passivhaus das einzig sinnvolle Konzept, und nach Schwimmbad, Sparkasse, Supermarkt, Spital, Studentenwohnheim und Spritzenhaus scheint es kaum eine Gebäudenutzung zu geben, die noch nicht im Passivhausstandard ausgeführt wurde. Selbst wenn der Passivhausboom in Deutschland auf sich warten lässt, das Ausland ist hellwach: Rund 200 Chinesen zählten die Veranstalter dieses Jahr auf der Passivhaustagung. Die USA und Korea sind schon seit einigen Jahren Stammgast, das europäische Ausland ohnehin.

Außerdem gilt für nahezu alle Neubauten in hoch entwickelten Ländern, dass darin viel mehr Passivhaus steckt, als viele glauben wollen: Die Minimierung von Wärmebrücken, eine relativ luftdichte Bauweise, dreifachverglaste Fenster, Lüftung mit Wärmerückgewinnung – vieles von dem, was heute im Bau normal geworden ist, geht auf das Passivhaus zurück. Schade nur, dass diesem der Ruhm nicht wirklich zuteil wird und die Geburtstagsgratulanten fast ausschließlich alte Freunde und langjährige Gefährten sind.

Dass das Passivhaus bis heute nicht den ganz großen Siegeszug antreten konnte, ist durchaus auch selbst verschuldet und liegt unter anderem an allen (einschließlich dem Verfasser dieser Zeilen), die die Idee in den letzten Jahrzehnten Bauherren schmackhaft machen wollten. Tausende Planer haben sich dafür weitergebildet, Hunderte Hersteller haben geeignete Produkte entwickelt. Und fast alle haben gemeinsam versucht, den Markt zu missionieren, indem sie niedrigen Energieverbrauch und Heizkostenersparnis im Passivhaus priesen. Inhaltlich war das nicht falsch. Aber mit U-Wert, Lambda, Phi und Psi, mit Primärenergie- und Heizwärmebedarf, mit Wärmerückgewinnungsgrad und Luftwechselrate lässt sich nicht jeder begeistern; erst recht nicht in Zeiten sinkender Energiepreise. Viel zu wenig wurde über die zahlreichen anderen Stärken des Passivhauses geredet: Das Passivhaus ist technologieoffen, wartungsarm, wertbeständig, zukunftssicher und in der täglichen Nutzung einfach, tolerant, zuverlässig und vor allem unfassbar komfortabel!

Dass unsere Kinder immer häufiger in Passivhauskitas und -schulen singen, spielen und lernen ist zwar eine wunderbare Sache, den Kindern aber völlig gleichgültig, egal, wurscht und schnuppe! Im Kern ist genau das die wunderbarste Botschaft, die von jedem Passivhaus ausgeht: Drinnen spielt, lernt, arbeitet und wohnt es sich so gut, dass man nach dem Einzug keinen Gedanken an den Effizienz- und Baustandard mehr verschwendet. Überzeugender kann ein Gebäude seine Qualität nicht nachweisen.

Glückwunsch, Passivhaus!

 

 

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