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Wie viele Passivhäuser gibt es in Deutschland? Wie viele werden jährlich neu gebaut? Diese Fragen scheinen alle allen zu stellen: keine Passivhausmesse, keine Passivhaustagung und kein Passivhauskongress, wo über diese simple Fragestellung nicht diskutiert würde. Und nie hat jemand verlässliche Zahlen parat. Denn: Eine Meldepflicht für Passivhäuser gibt es nicht – zum Glück! Bei einer Zwangsregistrierung wäre womöglich der Weg frei für neue Abgabeformen der Zukunft. Wie viele Passivhäuser gibt es in Deutschland? Wie viele werden jährlich neu gebaut? Diese Fragen scheinen alle allen zu stellen: keine Passivhausmesse, keine Passivhaustagung und kein Passivhauskongress, wo über diese simple Fragestellung nicht diskutiert würde. Und nie hat jemand verlässliche Zahlen parat. Denn: Eine Meldepflicht für Passivhäuser gibt es nicht – zum Glück! Bei einer Zwangsregistrierung wäre womöglich der Weg frei für neue Abgabeformen der Zukunft. So wie heute schon energieintensive Betriebe von der Ökosteuer verschont bleiben, könnten sich womöglich in wenigen Jahren Häuser mit besonders hohem Heizwärmebedarf einen Rabatt sichern, die sparsamen Passivhäuser würden dagegen mit einer Nichtverbrauchssteuer belegt. Einerseits also gut, dass niemand weiß, wo Deutschlands Passivhäuser stehen. Andererseits: Eine Zahl wäre schon schön. Schätzungen gibt es freilich. Diese bewegen sich zwischen 20.000 und 50.000. Am häufigsten hört man 40.000. Doch vertiefende Fragen werden mit einem Schulterzucken quittiert: 40.000 was? Häuser? Wohneinheiten? Inklusive Nichtwohngebäude? Niemand weiß nix Genaues nicht. Da schien in den letzten Monaten plötzlich Hilfe nah: Die Herren über alle Daten rund um den Wohnungsbau versprachen exaktes Zahlenmaterial. Das Statistische Bundesamt erhebt mit seiner langjährigen Zahlenreihe „Baugenehmigungen und Baufertigstellungen von Wohn- und Nichtwohngebäuden (Neubau) nach Art der Beheizung und Art der verwendeten Heizenergie“ neuerdings nämlich auch die Anzahl an gebauten Passivhäusern und zwar ziemlich genau, um nicht zu sagen extrem exakt, konkret: auf das Stück genau! Demnach wurden 2010, im erstmaligen Jahr der Erhebung, 493 Wohngebäude im Passivhausstandard genehmigt. 493? Ist das nicht ein bisschen wenig? Okay, wir verzeihen den Statistikern den offensichtlichen Erhebungsfehler. Bei einer neu eingeführten Rubrik kann im ersten Jahr nicht alles glatt laufen. Außerdem: Genehmigungen sind nicht Fertigstellungen. 2011 nur 407 Passivhäuser gebaut? Seit Kurzem gibt es jetzt auch die Zahl der tatsächlich realisierten, also fertig gestellten Passivhäuser im Jahr 2011. Demnach wurden 2011 in ganz Deutschland 407 Passivhäuser errichtet. Es geht noch genauer: Die 407 Gebäude schlüsseln sich auf in 336 Wohnhäuser im Westen und 40 Wohnhäuser im Osten. Außerdem sind darunter 31 Nichtwohngebäude, 29 im Westen und gerade mal 2 im Osten. So genau die Zahlen anmuten, so ratlos machen sie einen auch. Wie sollten in Deutschland innerhalb eines Jahres nur 407 Passivhäuser realisiert worden sein? Wie kommen die Statistiker auf solche Werte, wenn andere grob schätzen, dass es leicht das zehn- oder zwanzigfache sein muss? Und warum hat kein Architekt und kein Bauträger das Gefühl, jemals bei einer statistischen Erhebung nach der Anzahl der von ihm 2011 realisierten Passivhäuser gefragt worden zu sein? Aus welchen Angaben schließt also das Statistische Bundesamt, dass es sich bei einem Haus um ein Passivhaus handeln muss? Missverständliche Erhebung Die Lösung findet sich in den „Erläuterungen zur Statistik der Bautätigkeit im Hochbau“. Erhoben werden hierzulande verschiedene Statistiken, die die Bautätigkeit dokumentieren: Baugenehmigungen, Baufertigstellungen, der Bauüberhang und der Bauabgang. Im Rahmen der Baugenehmigungen und der Baufertigstellungen werden alle Gebäude erfasst, die (Zitat) „geeignet oder bestimmt sind, dem Schutz von Men¬schen, Tieren oder Sachen zu dienen“. Durchs Raster fallen somit nur wenige Gebäude wie Wohncontainer oder Gartenlauben. Gefragt wird auch nach der „vorwiegenden Art der Beheizung“. Zur Auswahl stehen Fernheizung, Blockheizung, Zentralheizung, Etagenheizung und auch „keine Heizung“. Fragebögen, bei denen der Ausfüller so mutig ist, „keine Heizung“ anzugeben, erfüllen in den Augen der Statistiker eines von zwei Kriterien, um als „Passivhaus“ gezählt zu werden. In einer weiteren Frage präzisiert die Datenerhebungsstelle die Heizung. Dann geht es um die Energieform, die zur Erzeugung von Wärme vorwiegend verwendet wird. Zur Auswahl stehen neben fossilen Energieträgern wie Öl, Gas und Strom auch Fernwärme, Geothermie, sonstige Umweltthermie (v. a. Luft- und Wasserwärmepumpen), Solarthermie, Holz, Biogas, sonstige Biomasse und weitere Energieträger. Die meisten Passivhäusler dürften ihr Kreuz wohl bei den Varianten für die Wärmepumpe machen. Auch Passivhäuser mit Fernwärme gibt es, mit Pellets ohnehin. Von den knapp 100.000 fertig gestellten Wohngebäuden wurden 2011 rund 30.000 mit Wärmepumpe ausgestattet. Darunter bestimmt eine erkleckliche Anzahl an Passivhäusern. Allerdings: Wer den Erhebungsbogen für Baufertigstellungen ausfüllt und sich für eine der oben genannten primären Energieträger entscheidet, kann gemäß Interpretation der Statistiker kein Passivhaus haben. Da sitzen die Hüter der Zahlen einem alten Irrtum auf. Sie nehmen an, dass ein Haus ohne klassisches Heizsystem auch keine Energie aufwendet, um im Winter warm zu sein. Das geht auch aus den Erläuterungen des Statistischen Bundesamtes hervor, die voraussetzen, dass Passivhäuser nicht über die technische Ausstattung zur Einbringung von Wärme, sondern „nur über Lüftungsanlagen verfügen“. Um als Passivhaus gezählt zu werden, müsste man also neben dem o. g. Kriterium „keine Heizung“ bei der Angabe der primär verwendeten Energiequelle „keine“ ankreuzen. Das allerdings wird kaum ein Planer oder Bauträger so machen; bei aller Begeisterung für das Passivhaus ist doch allen klar, dass der Restwärmebedarf von 15 kWh pro Quadratmeter und Jahr mittels Energieaufwand eingebracht werden muss. „Passivhaus“ politisch nicht gewünscht Hier irren also die Chefstatistiker und die Frage nach der tatsächlich errichteten Zahl an Passivhäusern bleibt völlig unklar. Darauf angesprochen, zeigen sich die Verantwortlichen beim Statistischen Bundesamt offen, ihre Fragestellungen samt Erläuterungen künftig klarer zu formulieren. Der Wermutstropfen wird aber gleich mitgeliefert: Eine Mitarbeiterin des Statistischen Bundesamts kündigt an, dass schon bald keine „Passivhäuser“ mehr in der Statistik erscheinen werden, weil sie nicht mehr erscheinen dürfen. Die Erhebung und Auswertung von Baugenehmigungen und Baufertigstellungen muss sogar mit dem Bauministerium abgestimmt werden. Weil das Passivhaus einst von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen entwickelt wurde, darf es künftig nicht mehr Bestandteil staatlicher Kommunikation sein. Der Begriff „Passivhaus“ ist also politisch nicht opportun und soll gleichsam ausgehungert werden. Seit Jahren werden deshalb im Ministerium, bei der KfW, bei der dena und im Gesetzgebungsverfahren lieber ständig neue Begriffe erfunden, um nur nicht die zu verwenden, die in der Bevölkerung seit Langem gelernt sind. Damit ignoriert man auch künftig, dass das Passivhaus das einzige Baukonzept ist, das seit Jahrzehnten klar definiert ist, an Hochschulen gelehrt wird, von mehreren Tausend Planern und Bauunternehmen in Deutschland umgesetzt wird und dabei niemanden ausschließt, weil es herstellerunabhängig offen ist für alle Konstruktionsweisen, Baustoffe und verschiedenste Formen der Wärmeerzeugung. Schade!

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